Vergewaltigung einer Patientin bleibt ohne gravierende Folgen für den Täter

Leserinnenbrief von Maren Kolshorn, Frauen-Notruf e.V. Göttingen
Ein Göttinger Physiotherapeut und Osteopath wurde letzte Woche wegen Vergewaltigung einer Patientin während der Behandlung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Er muss also nicht ins Gefängnis für seine Tat.
In dem Strafverfahren, das sich über mehr als fünf Jahre hinzog, wurde seine Schuld mehrfach gerichtlich bestätigt. Zum ersten Mal vor 3 Jahren und zuletzt ließ – bereits vor einem Jahr – auch das Oberlandesgericht Braunschweig den Schuldspruch bestehen. Nur das Strafmaß stand jetzt noch zur Verhandlung. Und hier befand wieder einmal ein Gericht, dass es für einen Täter nicht zumutbar sei, für eine Vergewaltigung ins Gefängnis zu gehen.
Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass Täter bei sexuellem Missbrauch an Kindern und Vergewaltigung erwachsener Frauen – wenn es überhaupt zu einer Verurteilung kommt – lediglich eine Bewährungsstrafe bekommen. Die gesellschaftliche Botschaft an alle Betroffenen ist klar: so wirklich schlimm ist sexuelle Gewalt nicht, auch wenn allseits mit scheinbar großer Betroffenheit das Gegenteil beteuert wird. Dass diese Einschätzung nicht übertrieben ist, verdeutlicht ein anderer Aspekt des aktuellen Verfahrens. Trotz laufendem Strafverfahren und endgültigem Schuldspruch vor einem Jahr, praktiziert der Täter ohne Unterbrechung weiter. Die zuständige Aufsichtsbehörde sieht darin offensichtlich kein Problem. Und auch sein großes Praxis-Team, das sich auf seiner Homepage lächelnd um Vertrauen heischend präsentiert, scheint loyal zu seinem gewalttätigen Chef zu stehen.
Fatalerweise kann diese allseitige Ignoranz den Eindruck vermitteln, dass ja nicht wirklich etwas Schlimmes passiert sein kann, weil sonst Behörden und Gerichte dem Täter doch längst das Handwerk gelegt hätten. Die Wahrheit ist einfacher: sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist Alltag: Zuhause, am Arbeitsplatz und auch bei medizinischen Behandlungen. Alltag ist auch, dass es Politik und verantwortliche Institutionen nicht wirklich interessiert, ansonsten hätten wir längst ein System von Prävention und Sanktionierung etabliert, das wirklich greifen würde. Viele Menschen sind zurzeit erschüttert über das System Epstein. Das dahinterstehende Prinzip, welches es Männern ermöglicht, Macht und Gewalt über Frauen auszuüben, haben wir auch hier in Göttingen. Jeden Tag und an vielen Orten. Ein Beispiel ist der Osteopath, der bislang unbehelligt sein Leben und Arbeiten fortsetzen kann.
